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"Du wolltest uns beide sprechen, ehrenwerte Tante?" fragten Tizzo und Tilfur gleichzeitig.
"Ja, das wollte ich. Kommt nur her, ihr beiden." Delhena winkte die Knaben zu sich heran, und hieß sie, sich neben sie niederzusetzen. Dann holte sie tief Luft und versuchte die richtigen Worte zu finden, um den Jungen beizubringen, was geschehen war. Sie hatte sich lange überlegt, wie sie den Kindern die traurige Nachricht nahebringen konnte, und hoffte nun, daß Tizzo und Tilfur sie verstehen konnten.
Als sie geendet hatte, war es sehr still in dem Raum.
Die zwitschernden Vögel übertönten die gepreßten Atemzüge der Jungen jedoch nicht. Tizzo und Tilfur bissen sich auf die Lippen. Tränen standen in ihren Augen, aber sie verbaten sich zu weinen. Sie wollten stark und tapfer wie die Erwachsenen sein!
Beide zuckten zusammen, als Delhena die Arme um sie legte. "Es ist keine Schande Tränen der Trauer zu vergießen", sagte sie dann langsam. "Wenn ihr um euren Vater weint, dann habt ihr jedes Recht der Welt dazu. Außerdem sieht uns hier keiner - und ich werde schweigen wie ein Grab."
Das löste die Verbissenheit der Jungen, männlich und stark sein zu wollen, obgleich Delhena ihnen das Elend ansah.
Während der Baronin ebenfalls die Tränen über die Wangen rannen, schmiegten sich die Knaben an sie und ließen ihren Tränen freien Lauf. Delhena streichelte ihre Rücken und drückte sie fest an sich. Was die Kinder jetzt brauchten, war Trost und die Gewißheit, nicht nun nicht ganz allein auf der Welt zu sein.
Irgendwann schreckte Delhena durch eine zarte Berührung zusammen. Sie hatte gar nicht gemerkt, daß Durnah in das Zimmer gekommen und an sie herangetreten war. Bestürzt blickte das Mädchen auf ihre Großmutter und die weinenden Jungen.
Dann plötzlich kauerte sie sich hin und legte ihre Arme um die Jungen, als wolle sie ihr Leid teilen. Die Knaben zuckten zusammen, doch dann entspannten sie sich sichtlich, während Delhena wie gebannt auf das blasse Gesicht ihrer Enkeltochter blickte, das von einem underischen Glanz umgeben war. Sie spürte, wie die Trauer zu einem Teil von ihr wurde und darum leichter zu ertragen. Um so mehr mußte sie nun Sorge darum tragen, daß Durnah nicht eines Tages in eine Welt hineingerissen werden würde, die sie zerstörte. Das Kind war wirklich von den Zwölfen gesegnet.
Betriebsame Geschäftigkeit herrschte im Palazzo, während die Dienerschaft die Habseligkeiten der Oikaldiki-Zwillinge zusammenpackten, denn nun wo ihr Vater tot war, würde ihre Anwesenheit bei der eigenen Familie unbedingt erforderlich sein. So hatte es der Abgesandte Gräfin Lutisanas ausgedrückt, der schon zwei Tage später in Ankram eingetroffen war. Nun wartete der Mann geduldig darauf, das alles gepackt und die Kutschen vorbereitet wurden. Denn Delhena wollte die beiden Jungen nicht alleine lassen, und man hatte sie darum gebeten - sie und Durnah.
"Euer Hochgeboren, auch Eure Anwesenheit wird erforderlich sein", hatte der Cavalliero enthüllt. "Seine Hochwohlgeboren der Graf von Thegûn hat verfügt, daß auch Ihr ... und Eure Enkeltochter Durnah bei der Verlesung seines letzten Willens zugegen sein sollt!"
So war die Abreise für Delhena von gemischten Gefühlen geprägt. Voller Sorge betrachtete sie Tizzo und Tilfur, die von ihrer Traurigkeit abzulenken suchten, indem sie sich besonders um Durnah bemühten, während sie sich fragte, was das zu bedeuten hatte.
War es ein Fehler gewesen, Cedor ay Oikaldiki ein Geheimnis anzuvertrauen, über das sie besser geschwiegen hätte? Was hatte er danach getan? Zeit genug war gewesen, um Nachrichten an seine Familie zu senden, und offizielle Dokumente zu verfassen.
Delhena wurde immer unruhiger, während sie eine Hand auf Durnahs Schulter legte. Sie spürte mit jeder Faser ihres Körpers, daß ihr Geheimnis bald keines mehr sein würde.
Das Mädchen Durnah war nicht nur ihre Enkelin, das Kind ihrer Tochter Chamirah, sondern auch der älteste Sproß Cedor ay Oikaldikis, die Halbschwester Tizzos und Tilfurs!
Christel Scheja
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